Satoko Fujii – diverse CDs

Die japanische Komponistin und Pianistin Satoko Fujii wurde im Jahr 2018 60 Jahre alt und feierte diese Begebenheit mit einem Veröffentlichungsmarathon, der die verschiedensten Seiten ihres künstlerischen Schaffens zeigt. Eine Auswahl aus der Materialfülle, und aus älteren Arbeiten, streifen wir hier:
Im Trio AMU spielt Fujii gemeinsam mit ihrem Mann, dem Trompeter Natsuki Tamura, und dem Perkussionisten Takashi Itani. Auf der CD/DVD Weave (Libra Records 204-051/052) arbeitet die Combo mit der Tänzerin Mizuki Wildenhahn zusammen, die Fujii 2001 kennen lernte. Seit dieser Zeit gab es mehrere Kollaborationen, nie jedoch wurden die Ergebnisse zufriedenstellend aufgezeichnet. Auch ein Versuch in Berlin aus dem Sommer 2018 scheiterte, so dass man sich schließlich in Japan für drei Tage traf mit dem Ziel, Weave einzuspielen und abzufilmen. Die DVD enthält eine Performance, in der deutlich wird, wie sehr der expressive Tanz der Mizuki Wildenhahn der Motor der Gruppenimprovisationen ist. Der Fluß der Bewegungen im Tanz steuert die Dynamik der Musiker, die flirrenden Pianocluster und spartanischen Perkussionsläufe interagieren mit den Körpermovements. Nur der rauhe, zart-ströhmende Trompetensound wirkt eher wie ein Kommentar auf das Gesamtgeschehen. Eine interessante Nuance.
Bereits aus dem Jahre 2008 stammt die Tamura/Fujii Duo-Einspielung Chun (Libra Records 102-022). Klavier und Trompete scheinen sich mal in einem dramatischen Kampf gegenüberzustehen und dann wieder gemeinsam zu agieren. Es gibt immer wieder Momente, in denen beide Instrumente aus einem ruhig-harmonischen Paarlauf in zänkelndes Chaos ausbrechen, in kraftvolle Explosionen und manchmal auch piesakende Widerreden. Diese Ausbruchsmomente sind die spannendsten auf Chun aber auch die fordernsten… Auf Ninety-Nine Years das Satoko Fuji Orchestra Berlin (Libra Records 211-047) ist Fujii nicht selbst zu hören, die Gruppe spielt ihre Kompositionen. Das Ensemble ist stark bläsergetrieben, die Stücke haben sowohl schmissige Passagen, als auch nokturnal-reduziertere Abschnitten zu bieten. Solistische Saxophone tänzeln mit Kontrabass und gezielt eingesetztem Schlagzeug um die Wette. Dann gibt es wieder die Big Band Flights, in denen sich ganze Instrumentenblöcke formieren und kraftvolle Melodien spielen. Einige Stücke kombinieren diese Charakteristik, in dem sich aus einem ruhigen Start ein äußerst dynamisches, und fast schon wütend klingendes Zusammenspiel entfaltet.
Das Trio This Is It!, welches sich aus verschiedenen Bezeichnungen und Bestezungswechseln letzlich geformt hat, spielt auf 1538 (Libra Records 203-049) eher konventionellen und seichten Jazz. Die Gruppe aus Fujii (Klavier), Tamura (Trompete) und Itani (Drums, Percussion) spielt Kompositionen von Satoko Fujii, die eine große Bandbreite an Stimmungen und Farben vermittelt, aber von der Grundhaltung eher bedächtig und „friedlich“ bleibt. Das Zusammenspiel des Trios steht im Mittelpunkt, die ineinander greifenden Läufe der einzelnen Instrumente. Keine Full Throttle Orgien, keine überspannten Gegenattacken. Ein Ruhepol im steten Output von Satoko Fujii.
Sehr reduziert und fast schon karg wirkt die Duo-Platte Kisaragi (Libra Records 102-042) von Satoko Fujii und ihrem Mann Natsuki Tamura. Das Material der Platte wurde in zwei Sessions 2015 und 2016 in New York aufgenommen, wo die beiden inzwischen seit längerem leben. Hier bestimmt die Trompete das Bild, mit zarten Hauchlauten, gequälten Seufzern und faserigen, geblasenen Flächen. Das Klavierspiel akzentuiert diese Klangmalerei, mit bassigen Tupfern oder flirrenden Clustern, die als Hintergrund angelegt sind. Der lustige Booklet-Text von Tamura eröffnet einen weiteren Blick auf die Musik: mit jeder Notation seiner Frau komme zunächst der Schreck, wie denn das präsentierte Stück überhaupt spielbar sein solle. Die mäandernde Trompete gibt einen Eindruck davon, wie sich Natsuki Tamura die Kompositionen seiner Frau regelrecht erarbeiten musste.
Ebenfalls in gedeckten Farben gehalten ist Satoko Fujiis Begegnung mit dem australischen Musiker Alister Spence. Die CD intelsat (Alister Spence Music ASM007) dokumentiert ein Konzert aus dem gleichnamigen Jazzclub in Kiracho, Nishio (Japan) im Jahr 2017. Beide Akteure bedienen Tasteninstrumente, beide setzen vielfal elektronische oder spieltechnische Effekte ein, so dass Klavier und Fender Rhodes mal wie Spinette, mal wie schwer gegossene Gongs klingen. Das Zusammenspiel produziert eine griffige und flächige Musik voller Farben und Nuancen, die im Geiste ein wenig an AMM erinnert.
Eine Würdigung der besonderen Art ist die Veröffentlichung Diary 2005-2015. Yuko Yamaoka plays the music of Satoko Fujii (Libra Records 201-053/054). Die ausgezeichnete Pianistin Yuko Yamaoka interpretiert auf zwei CDs insgesamt 118 kurze Kompositionen von Fujii, die als Titel jeweils das Datum ihrer Entstehung tragen. So organisiert Satoko Fujii ihr Werk, erst in der weiteren Bearbeitung durch Ensembles oder Mitmusiker erhalten die Stücke andere, assoziative Titel. Diese hier zusammengefassten Miniaturen sind aus der ersten Entwicklungsstufe nicht herausgekommen, sondern es handelt sich im Verständnis der Komponistin um kompositorische Übungen. Das macht die Stücke präzise, schnörkellos und klar. Eine scchöne Sammlung!
Alister Spence begegnet uns wieder im Quartett Kira Kira. Besonders dem Backbone von Schlagzeuger Ittetsu Takemura und Trompeter Natsuki Tamura ist es zu verdanken, dass die Aufnahme Bright Force (Libra Records 204-048)  ihrem Titel alle Ehre macht. Die Musik klingt kräftig und hell, mit Spaß gespielt und mit Witz erdacht. Der Powerjazz der energetischen Phasen wird konterkariert durch reduzierte Fender Rhodes- Tricksereien, hier planschen alle Musiker vergnügt in einer rosa Pfütze! High Energy ohne Krampf und Anstrengung.
Deutlich von den Trompeten (Wadada Leo Smith, Natsuki Tamura) dominiert ist Aspiration (Libra Records 204-043), eine Trioaufnahme mit den weiteren Kombattanten Ikue Mori (Laptop) und Satoko Fujii (Piano). Die Bläser versteigen sich in zänkische Duette, Klavier und Elektronik liefern flächen und ziselliertes Unterholz. Eine eher schwächere Erscheinung, wenn auch vom gegenseitigen Respekt der Musikerinnen geprägt.
Den stimmungsvollen Abschluss dieser Besprechung bildet das Ensemble Mahobin, das auf Live At Big Apple In Kobe (Libra Records 204-050) sehr farbenfrohe und dynamische Musik spielt. Neben der Achse Tamura (Trompete) und Fujii (Piano) sind noch Lotte Anker (Saxophon) und Ikue Mori mit von der Partie. Hier spielt die Elektronik eine wesentlich prägendere Rolle als auf der vorgenannten CD: Fantastsiche und geräuschhafte Sounds umweben das Zusammenspiel von Klavier und Bläsern wie mit einem durchsichtigen Gazueschleier. Die Ebenen der Klänge durchlaufen einander, manchmal lösen sich einzelne Instrumente und scheinen Satellite-Geschichten zu erzählen, nur um dann wenig später wieder in den Gesamtstrom einzufließen. Die Elektronik steuert eine erstaunlich perkussive Note zum Ganzen bei.
Insgesamt sollte diese Auswahl verdeutlicht haben, wie vielseitig und divers das Schaffen der Satoko Fujii als Komponistin und Musikerin ist. Eine Auseinandersetzung mit dieser Künstlerin lohnt sich allemal.
Zipo
www.librarecords.com
www.satokofujii.com