{"id":1715,"date":"2010-01-24T14:51:38","date_gmt":"2010-01-24T12:51:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/?p=1715"},"modified":"2010-02-10T00:54:05","modified_gmt":"2010-02-09T22:54:05","slug":"steirischer-herbst-2009-musikprotokoll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/steirischer-herbst-2009-musikprotokoll\/","title":{"rendered":"steirischer herbst 2009 \/ musikprotokoll"},"content":{"rendered":"<p><strong>steirischer herbst 2009<\/strong><\/p>\n<p><em>&#8222;Alles was wir sehen k\u00f6nnte auch anders sein. [..] Es gibt keine Ordnung der Dinge a priori.&#8220; &#8211; Wittgenstein<\/em><\/p>\n<p>Der <strong>steirische herbst<\/strong> ist ein dezidiert engagiertes Festival, welches sich auch an gro\u00dfe Fragen herantraut; deren Beantwortung bewusst offen gelassen wird, von denen aber wichtig ist, dass sie \u00fcberhaupt gestellt werden. Das Motto der 2009er-Ausgabe lautete &#8222;All the same&#8220; &#8211; der gesellschaftliche Blick auf Gleichheit und Gleichg\u00fcltigkeit. In diesen Situationszusammenhang st\u00fcrzen wir uns f\u00fcr zwei Tage hinein&#8230;<\/p>\n<p>Graz pr\u00e4sentiert sich als gem\u00fctliche, freundliche Stadt, die aber auch proletarisch ruffe Ecken hat und in der sich ganze Stra\u00dfenz\u00fcge im Umbruch befinden. Ein gefundenes Fressen f\u00fcr sozial motivierte interventionistische Kunst, die sich f\u00f6rmlich in den \u00f6ffentlichen Raum dr\u00e4ngt. Beim sonnt\u00e4glichen Schlendern durch die Stadt stellt sich rasch der Documenta-Effekt ein: man ist geneigt, in jedem Flaschenbowist ein Kunstwerk zu sehen; bzw. die Grenzen zwischen der authentisch zerdepperten Telefonzelle und dem n\u00e4chsten hei\u00dfen Installationsschei\u00df verschwimmen rasch und unbewu\u00dft. Sch\u00f6n ist andererseits, wie es dem Festival anscheinend zwanglos gelungen ist, die Menschen vor Ort f\u00fcr seine Sache einzunehmen. Die charakteristischen herbst-Puzzlest\u00fccke sind in zahlreichen Shopfenstern zu finden, vom Trachtenshop \u00fcber den 1-Euro Laden bis zur linken Buchhandlung. Das hat so gar nichts elit\u00e4res und kommt herrlich effektiv her\u00fcber.<\/p>\n<p>In einem ortsans\u00e4ssigen Medienkunstverein (ESC) pr\u00e4sentieren K\u00fcnstler unter einem Benjaminschen Motto ihrer Arbeiten, die meistens auf den Stadtraum Bezug nehmen. Malte Steiner hat eine interaktive Installation gebastelt, die durch einen Bewegungsmelder auf die Movements des Betrachters reagiert und eine Quaderwand je nach Hektik der Bewegungen im Auge der Kamera in verschiedenen Abstufungen von Heftigkeit einst\u00fcrzen l\u00e4sst. Ein sehr poetisches Werk sind auch die Gem\u00e4lde der K\u00fcnstlerin Mare Tralla, die in Stadtr\u00e4umen Stillleben mit \u00dcberwachunsgkamera gemalt hat. In Aquarellfarben tupft sie Gesch\u00e4ftsfassaden, die zun\u00e4chst harmlos scheinen, zu deren Ensemble aber immer das wachende Auge von wem auch immer geh\u00f6rt. Gleichzeitig hat sie ihre Arbeit dokumentiert und zeigt Vidoes, wie sie mit Staffelei und Malzeug mitten in Shoppingzentern steht und malt.<\/p>\n<p>Musikalisch steigen wir ein mit einem Besuch des musikprotokolls des ORF im Rahmen des steirischen herbsts. Unter dem Titel <strong>Amphigory &#8211; Unsinn und Ansinnen<\/strong> pr\u00e4sentierte das RSO Wien unter dem Gastdirigenten Peter E\u00f6tv\u00f6s ein Programm mit verdichtenden Kl\u00e4ngen und furiosen Schichtungen. Alle vier Beitr\u00e4ge brachten den Gesamtklang des Orchesters in Stellung, immer flankiert von wuchtig-m\u00e4chtigem Schlagwerk. Am einf\u00fchlsamsten gelang die Klangschichtung Rebecca Saunders, deren <strong>Traces<\/strong> in der \u00f6sterreichischen Erstauff\u00fchrung erklang. <strong>Traces<\/strong> ist ein fast schon eing\u00e4ngiges St\u00fcck, welches seine Geheimnisse jedoch niemals v\u00f6llig preisgibt. Die vielen Tutti kommen niemals als Kraftmeierei her\u00fcber sondern ergeben sich wie nat\u00fcrlich aus dem Flu\u00df des Klanges; wie F\u00e4den h\u00e4ngen einzelnde Tonfolgen in den Raum hinein. Das Werk klingt aus mit immer zarter werdenden Klopfzeichen &#8211; Nachhall des Vorherigen und gleichzeitig Wink in eine ausklingende Zukunft. Rebecca Saunders&#8216; St\u00fcck wurde am euphorischsten vom Publikum aufgenommen. Dicht dahinter in der Gunst folgte mit Sicherheit Bernhard Ganders wunderbares <strong>Lovely Monster<\/strong> (UA). Das Hauptmerkmal dieses recht knappen und dynamischen Werkes war das Zusammenbringen der Instrumentalsounds zu m\u00e4chtigen Wirbelbewegungen, so dass sich aus der Musik heraus eine Art Sogklang ergab. Dies f\u00fchrte immer wieder zu spannenden Momenten; allein die Gesamtdramaturgie erschlo\u00df sich hier nicht sofort. Das Rotieren h\u00e4tte auch stundenlang weiter gehen k\u00f6nnen (warum nicht?). Olga Neuwirth hatte ebenfalls eine Urauff\u00fchrung mit dem Titel <strong>Remnants of Songs &#8230;<\/strong> zu Amphigory besigesteuert. Leider wirkte das Werk ungelenk und \u00e4u\u00dferst spr\u00f6de und man hatte nicht selten das Gef\u00fchl, hier k\u00f6nne der Gesamtklang auseinanderbrechen. Trotz Starbratschisten (Antoine Tamesit) trug einen die Musik nicht, es blieb der Eindruck eines kakophonischen &#8222;Gegeneinander&#8220; von Orchester und Solisten zur\u00fcck. Matthias Pintscher hat Ausz\u00fcge aus Mallarm\u00e9s &#8222;H\u00e9rodiade&#8220; instrumentiert; und zwar in einer Tour de Force der Kl\u00e4nge. Wie in eine schroffe Felswand hinein mu\u00df die Sopranistin Marisol Montalvo ihre Seufzer dem Orchester entgegen schmettern. Manchmal entstehen \u00fcberraschende Freir\u00e4ume f\u00fcr leis nachhallende Tupfer und kleinste Schl\u00e4ge der Perkussion. Nur um bald von einer rauschenden Welle weggesp\u00fclt zu werden. Ein delirisch-zuckendes St\u00fcck!<\/p>\n<p>Zur Einstimmung wurde im Foyer der Helmut-List-Halle eine Konzertinstallation der lithauischen Komponistin Juste Janulyte gegeben, die in zartem Anklang an die Loft-Sessions des La Monte Young Streicher in blauen luftblasenartigen Gebilden platzierte und zart ausleuchten lie\u00df. Sie spielten zart vibrierende, droneartige Cluster, dazu gab es am Boden kauernde Darsteller, die mit Tuchwedel-Bewegungen den Hauch der Kl\u00e4nge unterstrichen. Eine sch\u00f6ne meditative Arbeit.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-1979\" title=\"touchthissound2\" src=\"https:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/touchthissound2-150x145.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"145\" \/><\/p>\n<p>Das MUMUTH mit seiner beeindruckenden Kulisse ist Schauplatz eines Abends zwischen solistischer Instrumental-Action und zeitgen\u00f6ssischer Elektronik. Das im M\u00e4rz 2009 er\u00f6ffnete Haus f\u00fcr Musiktheater und multimediale Arbeiten z\u00e4hlt wohl zu einem der sch\u00f6nsten Produktionszentren in Europa. Um eine gegossene Betonspirale herum entfaltet sich ein Stahl\/Glas-Konstrukt, welches immer durchl\u00e4ssig ist und trotzdem auch Schutz f\u00fcr konzentriertes Arbeiten gibt. In der Dunkelheit schimmert das Geb\u00e4ude leicht blau. Etwas wuselig gestaltet sich der Zugang zu den verschiedenen Konzertorten im Haus. Fantastisch ist das Soloset mit Kontrabass-Werken des Klangforum Wien Bassisten <strong>Uli Fussnegger<\/strong>. Er holt aus seinem Instrument \u00fcberraschende T\u00f6ne heraus und spielt nach einer eher rei\u00dferischen Einstiegskomposition von Clemens Nachtmann die folgenden Beitr\u00e4ge von Kurtag u.a. in einem dichten und fordernden Block. Dagegen wirkt <strong>Hautzingers<\/strong> Set eher spr\u00f6de und leider von Delays verhunzt. Gleich der Einstieg l\u00e4sst die T\u00f6ne mit allzu bekannten Effekten im Raum verpuffen, da n\u00fctzt es nichts, dass der Mann ein verdientes Urgestein und absoluter Sympathietr\u00e4ger ist.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1981\" title=\"KMatthews_orfmusikprotokoll\" src=\"https:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/KMatthews_orfmusikprotokoll1.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"187\" \/><\/p>\n<p>Auch die von uns gesch\u00e4tzte <strong>Kaffe Matthews<\/strong> entt\u00e4uscht in ihrem Set stark. Ihr im Raum zerschleuderter Elektrosmog ist derma\u00dfen unmusikalisch und blockhaft, dass es fasst den Anschein hatte, man lausche einer Software-Demonstration und nicht einem Konzert. Spannungsb\u00f6gen waren nicht zu erkennen und auch wenn zum Beispiel die schrillen Hocht\u00f6ne wiederholt auftauchten, so wirkte dies nicht wie ein beuw\u00dft gesetztes Thema, sondern klang fast schon nach gestalterischer Hilflosigkeit. War da was kaputt?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1982\" title=\"JKirkegaard_orfmusikprotokoll\" src=\"https:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/JKirkegaard_orfmusikprotokoll.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"187\" \/><\/p>\n<p>Gewinner des Abends war <strong>Jacob Kirkegaard<\/strong> mit seiner Labyrinthitis Komposition, dem Klang der eigenen Ohren abgelauscht. Auch hier war die elektronischen Klangwelt oft schroff und hart an der Grenze, aber das Ganze baute sich sinnvoll auf und hatte ein gewisse liebevolle Vehemenz, die keine k\u00fcnstliche Barriere zwischen den Kl\u00e4ngen und der Autorenschaft durch Kirkegaard aufkommen lie\u00df.<br \/>\nDie zweieinhalb Tage Graz lie\u00dfen die Ohren rauschen und die Gedanken kreisen. Angenehm angeregt und gef\u00fcllt taumelte der Rezensent ins OFF&#8230;<br \/>\n<em>Till Kniola; Fotos: (c) steirischer herbst<br \/>\n<\/em><a href=\"http:\/\/www.steirischerherbst.at\" target=\"_blank\">www.steirischerherbst.at<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>steirischer herbst 2009 &#8222;Alles was wir sehen k\u00f6nnte auch anders sein. [..] Es gibt keine Ordnung der Dinge a priori.&#8220; &#8211; Wittgenstein Der steirische herbst ist ein dezidiert engagiertes Festival, welches sich auch an gro\u00dfe Fragen herantraut; deren Beantwortung bewusst offen gelassen wird, von denen aber wichtig ist, dass sie \u00fcberhaupt gestellt werden. Das Motto [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[58,636],"tags":[],"class_list":["post-1715","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-logbuch","category-steirischer-herbst-2009","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1715","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1715"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1715\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1977,"href":"https:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1715\/revisions\/1977"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1715"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1715"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1715"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}