{"id":4730,"date":"2014-11-03T22:02:21","date_gmt":"2014-11-03T20:02:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/?p=4730"},"modified":"2014-11-16T22:36:50","modified_gmt":"2014-11-16T20:36:50","slug":"masonna-ich-beginne-mit-1-2-3-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/masonna-ich-beginne-mit-1-2-3-4\/","title":{"rendered":"Masonna: \u201eIch beginne mit 1, 2, 3, 4\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Masonna<\/strong><br \/>\n<strong> \u201eIch beginne mit 1, 2, 3, 4\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Yamazaki Maso Takushi ist niemand, der die Dinge unn\u00f6tig in die L\u00e4nge zieht. Seine Auftritte als Masonna sind kurz und schmerzvoll. In kaum mehr als zwei Minuten l\u00e4dt er jede Menge Hass und Emp\u00f6rung \u00fcber unsere modernen Gesellschaftsformen \u00fcber dem Publikum ab und hinterl\u00e4sst es staunend angesichts dieser pointiert-pr\u00e4gnanten Energiekonzentration.<br \/>\nBei Masonna handelt es sich um eine Wortsch\u00f6pfung aus den japanischen Worten Maso (Masochist) und Onna (Frau), er selbst referenziert den Namen aber manchmal auch als Mademoiselle Anne Sanglante Ou Notre Nymphomanie Aur\u00e9ol\u00e9 und Mystic Another Selection Of Nurses Naked Anthology.<br \/>\n<em>Thomas Venker<\/em> traf Yamazaki Maso Takushi im Oktober 2014 in Tokyo, wo er im Rahmen der <a href=\"http:\/\/www.redbullmusicacademy.com\" target=\"_blank\">Red Bull Music Academy<\/a> als Teil der \u201eWails to Whispers\u201c-Performancennacht auftrat.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/masonna.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-4737\" alt=\"masonna\" src=\"https:\/\/www.aufabwegen.de\/magazin\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/masonna-290x290.jpg\" width=\"290\" height=\"290\" \/><\/a><\/p>\n<p>TV: Yamazaki Maso Takushi es ist mir ein Vergn\u00fcgen. Lass uns doch am besten mit dem heutigen Auftritt im Rahmen von \u201eWails to Whispers\u201c beginnen. Was darf ich erwarten?<br \/>\nM: Die anderen K\u00fcnstler des Abends und ich, wir haben bereits in der Vergangenheit \u00f6fters zusammen gespielt. Insofern kann ich behaupten, dass es mit Sicherheit ein lauter Abend wird.<br \/>\nTV: Du hast die anderen Musiker angesprochen: Was verbindet dich mit Nakahara Masaya, Melt Banana und Keiji Haino?<br \/>\nM: Haino Keiji kenne ich sehr gut. Wir hatten eine zeitlang sogar ein Duo-Projekt zusammen. Die beiden Mitglieder von Melt-Banana und mich verbindet eine Freundschaft, die bis auf das Jahr 1990 zur\u00fcckgeht.<br \/>\nTV: W\u00fcrdest du sagen, dass ihr alle eine \u00e4hnliche Sound\u00e4sthetik verfolgt, euch auf verwandte Art und Weise an Sound- und Noisetexturen abarbeitet?<br \/>\nM: Dar\u00fcber habe ich noch nie nachgedacht.<br \/>\nTV: Ihr sprecht also untereinander nicht \u00fcber die theoretischen Aspekte eurer Musik?<br \/>\nM: Nicht so wirklich, wir unterhalten uns eher \u00fcber Instrumente. Wenn jemand mit Equipment auftritt, das ich noch nicht kenne, dann weckt das mein Interesse und wir tauschen uns dar\u00fcber aus.<br \/>\nTV: Aha, das hei\u00dft, dass du deine Kollaborationspartner auch nach deren Instrumentarium aussuchst?<br \/>\nM: Nein, so weit w\u00fcrde ich nicht gehen. Die Instrumente spielen w\u00e4hrend der Kollaboration zwar eine wichtige Rolle, aber f\u00fcr die Entscheidung ist vor allem die Person selbst von Bedeutung; ich muss sie respektieren, das Gef\u00fchl daf\u00fcr bekommen, dass wir gemeinsam etwas Besonderes erschaffen k\u00f6nnen. Oft muss ich jedoch realisieren, dass es mir leichter f\u00e4llt, meine Musik und mich alleine auszudr\u00fccken. In letzter Zeit habe ich deswegen nur wenige Kollaborationen gesucht.<br \/>\nTV: Wenn du es auf einen Satz herunterholen m\u00fcsstest: Warum machst du Musik?<br \/>\nM: Das ist eine schwierige Frage. Es mag nicht exakt die Antwort auf deine Frage sein, aber lass mich so beginnen: Ich bin zum eigenen Musikmachen \u00fcber mein Interesse an Noisemusik gekommen. Zu dieser Zeit produzierten jedoch schon andere K\u00fcnstler Noise, so suchte ich also nach einem noch nicht verfolgten Ansatz. Als gro\u00dfer Fan von Punk- und Hardcoremusik lag es nahe, die Aufgeregtheit und den Ausdruckswillen dieser Musikstile aufzugreifen, jedoch ohne deren konventionelles Instrumentarium aus Gitarre und Bass. Ich kombinierte also physischen Aktionismus und Soundradikalit\u00e4t \u2013\u00a0 das war die Geburtsstunde von Masonna. Wenn ich auftrete, dann gibt es auf der B\u00fchne keinen Tisch mit Equipment, es steht lediglich ein Mikrofonst\u00e4nder da und zu seinen F\u00fc\u00dfen jede Menge Effektger\u00e4te und ein Oszillator, der Sounds fabriziert, wenn ich ihn sch\u00fcttle \u2013 je h\u00e4rter desto noisiger geraden sie. Am wichtigsten sind aber meine Bewegungen, sie machen den Kern des Ganzen aus: wenn ich h\u00fcpfe und wieder auf der B\u00fchne lande, dann ver\u00e4ndere ich die Effekte auf sehr drastische Art und Weise&#8230;. Was war noch mal die Frage?<br \/>\nTV: Das ist egal, die Antwort war wunderbar. Wo wir gerade schon \u00fcber die Performance sprechen. Wie wichtig ist das Publikum dabei f\u00fcr dich?<br \/>\nM: Wirst du heute Abend zum ersten mal eine Performance von mir erleben?<br \/>\nTV: Ja.<br \/>\nM: Hast du dir \u00e4ltere auf Youtube angeschaut?<br \/>\nTV: Ja. Warum?<br \/>\nM: Nun, es ist so, dass ich am Anfang meiner Performance genau wei\u00df, was ich machen will \u2013 aber nat\u00fcrlich spielt die Reaktion des Publikums dann eine Rolle. Wenn gl\u00fcckliche Unf\u00e4lle passieren, Unf\u00e4lle an sich, dann sorgen sie f\u00fcr Unvorhergesehenes, was die Sache aufregender gestaltet. Ich habe dich das mit meinen alten Auftritten gefragt, da sie noch l\u00e4nger angelegt waren. Nun aber lege ich mein Augenmerk auf die Geschwindigkeit und Intensit\u00e4t der Performance und versuche sie auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich beginne mit 1, 2, 3, 4 \u2013 und von diesem Punkt an versuche ich das Energielevel so lange wie m\u00f6glich ganz oben zu halten. Wenn es jedoch zu sinken beginnt, dann muss ich sofort zum Schluss kommen. Alles muss mit voller Energie passieren. Die K\u00fcrze des Auftritts hat auch mit meiner begrenzten Kapazit\u00e4t zur Konzentration zu tun. Der Auftritt dauert exakt so lange, wie ich nicht an andere mich ablenkende Dinge denken muss.<br \/>\nTV: Das bedeutet, dass wir heute Abend eine kurze Performance erleben werden?<br \/>\nM: Das ist zumindest das Ziel. Ich gehe von so etwas wie zwei Minuten aus. Aber Zeit ist sowieso eine nur schwer zu messende Einheit. Die Dauer ist das wesentliche Momentum \u2013 und deswegen ist die zentrake Frage, wie lange ich die Kraft habe mit voller Energie zu operieren. Ergibt all das Sinn?<br \/>\nTV: Ja.<br \/>\nM: Es ist nicht so, dass ich nur zwei Minuten spielen m\u00f6chte, sondern eher so, dass es wegen der beschriebenen Rahmenbedingungen eben darauf hinausl\u00e4uft.<br \/>\nTV: Weil du es eben angesprochen hast, geht all das einher mit einer Reflektion von Zeit als Ma\u00dfeinheit?<br \/>\nM: Ja. Es ist doch so, dass der Veranstalter vom K\u00fcnstler vorher immer eine grobe L\u00e4nge seines Auftritts wissen will. Ich m\u00f6chte mich aber nicht in solche vorgegebenen Boxen reinpressen lassen. Mir geht es darum, die Konventionen, wie Konzerte veranstaltet sein sollen, zu sprengen.<br \/>\nTV: Dir geht es letztlich um die Intensit\u00e4t der Performance. Wer sagt denn, dass zwei Minuten nicht so viel Wirkung haben k\u00f6nnen wie eine Stunde.<br \/>\nM: Eine Masonna Show wird nicht dadurch besser, dass sie l\u00e4nger ist. Das Energielevel ist die Ma\u00dfeinheit, um die es mir geht. Wenn mich also die Leute fragen, wie lange ich auftreten werde, so kann ich dies nur schwerlich vorhersagen.<br \/>\nTV: Beziehst du dich mit deinen Performances eigentlich auf die Arbeiten der Fluxus-Bewegung und von Body-Art-K\u00fcnstlern wie Chris Burden, Vito Acconci oder Marina Abramovic, denen es ja auch darum ging, das normale \u00e4sthetische Setting des Publikums herauszufordern.<br \/>\nM: Kunst interessiert mich nicht so sehr, Rock\u00b4n\u00b4Roll ist meine Sache.<br \/>\nTV: Hier aber trittst du im Rahmen der Red Bull Music Academy auf, die sich gr\u00f6\u00dftenteils mit elektronischer Musik auseinandersetzt. Interessiert dich dieses Terrain denn auch?<br \/>\nTV: Von welcher Art elektronischer Musik sprechen wir?<br \/>\nM: Krachiger Techno, bei dem die Bassdrum so gut wie zerst\u00f6rt ist.<br \/>\nIch h\u00f6re Konrad Schnitzler, Kraftwerk und Yello Magic Orchestra, aber nicht so sehr die aktuellen Produzenten.<br \/>\nTV: Ich frage dich das, da es aktuell die Entwicklung in der elektronischen Musik gibt, dass viele TechnoproduzentInnen auf Noise-Sounds und \u2013 Patterns zur\u00fcckgreifen, Verzerrungen, Rauschen und krachige Soundscapes eine gro\u00dfe Rolle spielen. Ist dieser Prozess dir \u00fcberhaupt bewusst?<br \/>\nM: Zu diesem Thema kann ich wenig beisteuern.<br \/>\nTV: Fair enough. Lass uns \u00fcber deinen Karriereanfang sprechen. Zun\u00e4chst hast du in Led-Zeppelin- und Deep-Purple-Coverbands gespielt. Wie hat man sich das vorzustellen, eine reine Kompromissentscheidung, da sich noch nichts anderes ergeben hat?<br \/>\nM: Es waren die ersten Optionen, die sich mir auftaten, da Freunde von mir diese Bands gr\u00fcndeten. Ich zog aber schnell in Hardcore- und Punk-Bands wie Yamazaki Maso, Space Machine, Triple Yama&#8217;s, Kinkakuji, Gokurakuji, South Saturn Delta &amp; Andromelos, Flying Testicle und Bustmonster weiter.<br \/>\nTV: 1996 warst du erstmals in Amerika auf Tour \u2013 inwieweit unterschied sich das Publikum von den Besuchern deiner Auftritte in Japan?<br \/>\nM: Schwer zu sagen, da ich in den letzten zehn Jahren nicht au\u00dferhalb Japans gespielt habe. Ich versuche mich zu erinnern: Die Szene dort war insofern anders, als dass es eine wirkliche Szene gab und viele Leute zu den Shows kamen. In Japan existierte in den 1990er Jahren kein Publikum f\u00fcr meine Musik.<br \/>\nTV: Gibt es aktuell denn keine Anfragen f\u00fcr Auftritte au\u00dferhalb Japans? Das kann doch nicht sein.<br \/>\nM: Doch, doch, ich bekomme Angebote, aber irgendwie lie\u00df es sich nie koordinieren.<br \/>\nTV: Wegen deiner regul\u00e4ren Jobs? Du managst ja Jojo Hiroshige&#8217;s Plattenladen Alchemy und das Label Coquette.<br \/>\nM: Nicht mehr, ich habe beides aufgegeben.<br \/>\nTV: Was machst du denn dann heutzutage hauptberuflich?<br \/>\nM: Es gibt einen anderen Job. Aber das erz\u00e4hle ich dir nur, wenn du es nicht druckst.<br \/>\nTV: Okay&#8230; In den 1990er Jahren, als die japanische Noisemusik ihre Genese erfuhr, waren nicht nur Veranstaltungen wie die RBMA noch in weiter Ferne. Es gab auch kein Internet, keine Handys \u2013 kulturelle Arbeit war also noch deutlich regionalisierter und langsamer. Empfindest du die moderne Welt als Fortschritt? Bist du neidisch auf die j\u00fcngeren K\u00fcnstler?<br \/>\nM: Heutzutage ist jeder in der Lage Musik zu machen und sie \u00fcber die Welt zu verbreiten. Fr\u00fcher musste man viel h\u00e4rter nach ihr Suchen. Ich wei\u00df aber ehrlich gesagt nicht, ob mir pers\u00f6nlich das Internet geholfen h\u00e4tte.<br \/>\nTV: Verkaufst du heute Abend denn eine neue Ver\u00f6ffentlichung? Es ist ja sehr lange her, seitdem du Musik publiziert hast.<br \/>\nM: Nein. Nichts. Das ist zuviel Arbeit. Ich habe zuletzt in der Tat nichts mehr ver\u00f6ffentlicht. In der Vergangenheit war es immer so, dass ich, kaum war ein Album fertig und drau\u00dfen, bereits wieder Ideen f\u00fcr das n\u00e4chste hatte, so dass ich umgehend anfangen wollte. Diese Inspiration fehlt mir derzeit, also mache ich auch keine Musik, sondern konzentriere mich auf meine Auftritte. Live zu spielen und Musik zu produzieren, das sind zwei v\u00f6llig verschiedene Welten.<br \/>\nTV: Wie oft trittst du denn auf?<br \/>\nM: Es gibt da keine fixe Zahl. Jedes Jahr veranstalte ich am 1. Mai in Osaka meinen \u201eMayday\u201c. Davon abgesehen trete ich eigentlich immer auf, wenn mich jemand anfragt, sofern es mein Zeitplan zul\u00e4sst.<br \/>\nTV: Ich bedanke mich sehr f\u00fcr das Gespr\u00e4ch bei dir. Domo Arigato Gozaimasu.<\/p>\n<p>Text &amp; Foto: Thomas Venker<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Masonna \u201eIch beginne mit 1, 2, 3, 4\u201c Yamazaki Maso Takushi ist niemand, der die Dinge unn\u00f6tig in die L\u00e4nge zieht. Seine Auftritte als Masonna sind kurz und schmerzvoll. 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