steirischer herbst 2009

„Alles was wir sehen könnte auch anders sein. [..] Es gibt keine Ordnung der Dinge a priori.“ – Wittgenstein

Der steirische herbst ist ein dezidiert engagiertes Festival, welches sich auch an große Fragen herantraut; deren Beantwortung bewusst offen gelassen wird, von denen aber wichtig ist, dass sie überhaupt gestellt werden. Das Motto der 2009er-Ausgabe lautete „All the same“ – der gesellschaftliche Blick auf Gleichheit und Gleichgültigkeit. In diesen Situationszusammenhang stürzen wir uns für zwei Tage hinein…

Graz präsentiert sich als gemütliche, freundliche Stadt, die aber auch proletarisch ruffe Ecken hat und in der sich ganze Straßenzüge im Umbruch befinden. Ein gefundenes Fressen für sozial motivierte interventionistische Kunst, die sich förmlich in den öffentlichen Raum drängt. Beim sonntäglichen Schlendern durch die Stadt stellt sich rasch der Documenta-Effekt ein: man ist geneigt, in jedem Flaschenbowist ein Kunstwerk zu sehen; bzw. die Grenzen zwischen der authentisch zerdepperten Telefonzelle und dem nächsten heißen Installationsscheiß verschwimmen rasch und unbewußt. Schön ist andererseits, wie es dem Festival anscheinend zwanglos gelungen ist, die Menschen vor Ort für seine Sache einzunehmen. Die charakteristischen herbst-Puzzlestücke sind in zahlreichen Shopfenstern zu finden, vom Trachtenshop über den 1-Euro Laden bis zur linken Buchhandlung. Das hat so gar nichts elitäres und kommt herrlich effektiv herüber.

In einem ortsansässigen Medienkunstverein (ESC) präsentieren Künstler unter einem Benjaminschen Motto ihrer Arbeiten, die meistens auf den Stadtraum Bezug nehmen. Malte Steiner hat eine interaktive Installation gebastelt, die durch einen Bewegungsmelder auf die Movements des Betrachters reagiert und eine Quaderwand je nach Hektik der Bewegungen im Auge der Kamera in verschiedenen Abstufungen von Heftigkeit einstürzen lässt. Ein sehr poetisches Werk sind auch die Gemälde der Künstlerin Mare Tralla, die in Stadträumen Stillleben mit Überwachunsgkamera gemalt hat. In Aquarellfarben tupft sie Geschäftsfassaden, die zunächst harmlos scheinen, zu deren Ensemble aber immer das wachende Auge von wem auch immer gehört. Gleichzeitig hat sie ihre Arbeit dokumentiert und zeigt Vidoes, wie sie mit Staffelei und Malzeug mitten in Shoppingzentern steht und malt.

Musikalisch steigen wir ein mit einem Besuch des musikprotokolls des ORF im Rahmen des steirischen herbsts. Unter dem Titel Amphigory – Unsinn und Ansinnen präsentierte das RSO Wien unter dem Gastdirigenten Peter Eötvös ein Programm mit verdichtenden Klängen und furiosen Schichtungen. Alle vier Beiträge brachten den Gesamtklang des Orchesters in Stellung, immer flankiert von wuchtig-mächtigem Schlagwerk. Am einfühlsamsten gelang die Klangschichtung Rebecca Saunders, deren Traces in der österreichischen Erstaufführung erklang. Traces ist ein fast schon eingängiges Stück, welches seine Geheimnisse jedoch niemals völlig preisgibt. Die vielen Tutti kommen niemals als Kraftmeierei herüber sondern ergeben sich wie natürlich aus dem Fluß des Klanges; wie Fäden hängen einzelnde Tonfolgen in den Raum hinein. Das Werk klingt aus mit immer zarter werdenden Klopfzeichen – Nachhall des Vorherigen und gleichzeitig Wink in eine ausklingende Zukunft. Rebecca Saunders‘ Stück wurde am euphorischsten vom Publikum aufgenommen. Dicht dahinter in der Gunst folgte mit Sicherheit Bernhard Ganders wunderbares Lovely Monster (UA). Das Hauptmerkmal dieses recht knappen und dynamischen Werkes war das Zusammenbringen der Instrumentalsounds zu mächtigen Wirbelbewegungen, so dass sich aus der Musik heraus eine Art Sogklang ergab. Dies führte immer wieder zu spannenden Momenten; allein die Gesamtdramaturgie erschloß sich hier nicht sofort. Das Rotieren hätte auch stundenlang weiter gehen können (warum nicht?). Olga Neuwirth hatte ebenfalls eine Uraufführung mit dem Titel Remnants of Songs … zu Amphigory besigesteuert. Leider wirkte das Werk ungelenk und äußerst spröde und man hatte nicht selten das Gefühl, hier könne der Gesamtklang auseinanderbrechen. Trotz Starbratschisten (Antoine Tamesit) trug einen die Musik nicht, es blieb der Eindruck eines kakophonischen „Gegeneinander“ von Orchester und Solisten zurück. Matthias Pintscher hat Auszüge aus Mallarmés „Hérodiade“ instrumentiert; und zwar in einer Tour de Force der Klänge. Wie in eine schroffe Felswand hinein muß die Sopranistin Marisol Montalvo ihre Seufzer dem Orchester entgegen schmettern. Manchmal entstehen überraschende Freiräume für leis nachhallende Tupfer und kleinste Schläge der Perkussion. Nur um bald von einer rauschenden Welle weggespült zu werden. Ein delirisch-zuckendes Stück!

Zur Einstimmung wurde im Foyer der Helmut-List-Halle eine Konzertinstallation der lithauischen Komponistin Juste Janulyte gegeben, die in zartem Anklang an die Loft-Sessions des La Monte Young Streicher in blauen luftblasenartigen Gebilden platzierte und zart ausleuchten ließ. Sie spielten zart vibrierende, droneartige Cluster, dazu gab es am Boden kauernde Darsteller, die mit Tuchwedel-Bewegungen den Hauch der Klänge unterstrichen. Eine schöne meditative Arbeit.

Das MUMUTH mit seiner beeindruckenden Kulisse ist Schauplatz eines Abends zwischen solistischer Instrumental-Action und zeitgenössischer Elektronik. Das im März 2009 eröffnete Haus für Musiktheater und multimediale Arbeiten zählt wohl zu einem der schönsten Produktionszentren in Europa. Um eine gegossene Betonspirale herum entfaltet sich ein Stahl/Glas-Konstrukt, welches immer durchlässig ist und trotzdem auch Schutz für konzentriertes Arbeiten gibt. In der Dunkelheit schimmert das Gebäude leicht blau. Etwas wuselig gestaltet sich der Zugang zu den verschiedenen Konzertorten im Haus. Fantastisch ist das Soloset mit Kontrabass-Werken des Klangforum Wien Bassisten Uli Fussnegger. Er holt aus seinem Instrument überraschende Töne heraus und spielt nach einer eher reißerischen Einstiegskomposition von Clemens Nachtmann die folgenden Beiträge von Kurtag u.a. in einem dichten und fordernden Block. Dagegen wirkt Hautzingers Set eher spröde und leider von Delays verhunzt. Gleich der Einstieg lässt die Töne mit allzu bekannten Effekten im Raum verpuffen, da nützt es nichts, dass der Mann ein verdientes Urgestein und absoluter Sympathieträger ist.

Auch die von uns geschätzte Kaffe Matthews enttäuscht in ihrem Set stark. Ihr im Raum zerschleuderter Elektrosmog ist dermaßen unmusikalisch und blockhaft, dass es fasst den Anschein hatte, man lausche einer Software-Demonstration und nicht einem Konzert. Spannungsbögen waren nicht zu erkennen und auch wenn zum Beispiel die schrillen Hochtöne wiederholt auftauchten, so wirkte dies nicht wie ein beuwßt gesetztes Thema, sondern klang fast schon nach gestalterischer Hilflosigkeit. War da was kaputt?

Gewinner des Abends war Jacob Kirkegaard mit seiner Labyrinthitis Komposition, dem Klang der eigenen Ohren abgelauscht. Auch hier war die elektronischen Klangwelt oft schroff und hart an der Grenze, aber das Ganze baute sich sinnvoll auf und hatte ein gewisse liebevolle Vehemenz, die keine künstliche Barriere zwischen den Klängen und der Autorenschaft durch Kirkegaard aufkommen ließ.
Die zweieinhalb Tage Graz ließen die Ohren rauschen und die Gedanken kreisen. Angenehm angeregt und gefüllt taumelte der Rezensent ins OFF…
Till Kniola; Fotos: (c) steirischer herbst
www.steirischerherbst.at