Hier folgt eine kursorische Erfassung gesammelter bereits gut abgehangener Einsendung, ohne jegliche stilistische Vorsortierung. Bitte selbst einordnen!
Fließende Minimal-Tonperlen gibt es vom jungen US-amerikanischen Komponisten Michael Vincent Waller auf Trajectories (Recital Thirty Nine, CD). Glasklar vorgetragen vom Painisten R. Andrew Lee (und dem Cellisten Seth Parker Woods in den Duostücken) breitet sich eine friedliche und gediegene Stimmung aus; ernst aber nicht zu aufgebläht. Waller wurde seinerzeit von Phill Niblock entdeckt, die Liner Notes hier stammen von „Blue“ Gene Tyranny. 14 Träumereien haben Frank Meyer und Roman Leykam auf nebbia (Frank Mark Arts, CD FMA 1731, CD) zusammengetragen. Sie pendeln zwischen New Age Momenten, Traumlandschaften a la Jon Hassell und idiosynkratischen Melodieschöpfungen, die auch jenseits westlicher Traditionen ein offenes Ohr haben (z.B. Particle Zoo). Kraftvoll auf der Modular Synth Welle schwimmt das Projekt Circuitnoise mit Corrupted Cloud Transmissions (Attenuation Circuit, ACLE 1022, CDR). Die sieben Stücke tragen alle etwas schusselige Namen aus den Irrungen der Informationstechnologie, die Musik ist dafür aber umso organischer, direkter und bewegter. Bisweilen erinnert die zupackende Art der Stücke an die Musik eines Kevin Drumm, ohne allerdings in beliebigen Noise abzudriften. Alles bleibt kompakt und mit einem melodiösen Grundstock versehen. Bernd Leukert vermag es, in seiner akusmatischen Musik handwerkliches Geschick und den Sinn für Humor zu verbinden. Gerade letzteres fehlt oft ind er ernsten Welt der Lautsprecehrkompositionen. Der Uhu des Ihi (World Edition 0013, 2xCD) versammelt Arbeiten Leukerts aus dem Zeitraum 2007-2009, die z.T. als einzelene Werke für sich stehen, im Fall den in Wildwechsel versammelten „Kapiteln“ aber auch größere Erzählungen ergeben. Es mag an Leukerts Vergangenheit als erfahrener „Radiomann“ leigen, das fast allen Stücken ein tieferes Verständnis für Dramaturgie, sinnhafte Brüche und lustvolles Zitieren gemein ist. Der Umgang mit konkreten Klängen, mit Samples aus der musikalischen Moderne, mit Sprache ist verspielt und ernst zugleich und kombiniert die Materialanalyse eines Pierre Henry mit unorthodoxen Methoden der Klangmanipulation bei Robert Normandeau. Eins bis sechzehn (Cronica Electronica 69, CD) dokumentiert eine Gemeinschaftsarbeit des Klangkünstlers Ephraim Wegner und der Photographin Julia Weinmann, die an der KHM Köln entstanden ist. Die fantastischen Fotografien zeigen Aufnahmen verlassener und zerstörter Hotels, einzelne Bilder sind zu sechs Leporello-Serien zusammengefasst. Dazu schafft Wegner eine abstrakte Klanglandschaft, die mal reduziert-minimalistisch und mal konkret und geräuschhaft klingt. In einzelnen Phasen hat es den Anschein, als seinen in den Ruinen slebst Geräusche erzeuigt worden; etwas, un dem ein wackliger Fensterladen vom Musiker hin- und herbeweget wurde dies mikrofoniert worden ist. Hier können wir uns aber auch täuschen… Die letzte Veröffentlichung des inzwischen inaktiven Künstlerlabels non visual objects war gleichzeitig auch eine der schönsten. Die Rede ist von Asher/Forum und der Arbeit selected passages bzw. set.grey (non visual objects, nvo 23, CD). Asher bietet uns fünf haunted Klavierpassagen, die von nostalgischem Rauschen umwoben werden, das mal stärker und mal schwächer ist, dem Ganzen aber eine griffige Textur und Patina verleiht. set. grey von Forum versteht sich als Studie eines „generativen Soundscapings“, bei dem die Bewegung hin zur völligen Reduktion geht, in dem alles unnützes Material verworfen wird. Da die zwei Movements bereits mit geringer Grundausstattung auskommen (glockige Bass-Klänge, ein leichtes Summen, solche Sachgen halt..) endet das zweite Stück konsequenterweise in der völligen Auflösung. Gaudenz Badrutt zählt, wie zum Beispiel Gregory Büttner auch, zu einer Generation von Elektronikmusikern, die ihren Gerätepark wie ein Live-Instrument einsetzten uns vermehrt im Kontext improvisierter Musik operieren. Die Aufnahme Rotonda zeigt Badrutt im Trio mit dem Schweizer Akkordeonisten Jonas Kocher und dem russischen Saxophonisten Ilia Belorukov, der die Aufnahme auch gemischt und (vermutlich) herausgegeben hat (intonema, int016, CD). Wir hören über knapp 50 Minuten vor allem verwischte Texturen, griffig und grobkörnig, manchmal von einem schrillen Einzelton durchbrochen, in Gänze aber vor allem stark durch den inneren Zusammenhalt und das uneitle Gemeinsame der Musiker. Das CD-Cover zeigt eine Wand mit Dübeln und Baustrichen, etwas rohes und unfertiges also – das passt als Bild sehr gut zu diesen Klängen. Ebenfalls in die Fläche hinein improvisiert die französische Kombo Sakay auf Antipodes (Circum-Disc, microcidi007, CD). Allerdings operiert das Quartett konventioneller als die Vorgenannten und schafft die tänzelnde Flächigkeit seiner Musik aus einer Verdichtung und Konzentration der Instrumentenklänge. Jeder Spieler beackert ein klar abgestecktes Terrain, die kontrollierte Modus Operandi lässt sich am plastischsten beim Schlagzeug ablauschen. Angenehm und beruhigend anzuhören, Risiko geht aber anders. Biliana Voutchkova ‎spielt auf Modus Of Raw (Evil Rabbit Records, ERR 24, CD) Sologeige und Stimme, aufgenommen in der Schweiz im Jahre 2015. Mit vereinzelten Effekten angereichert entsteht ein sehr lebendiges und dynamisches Musizieren, in dem Stimme und Geige immer wieder um die Vorherrschaft zu kämpfen scheinen. Die Geige wird vor allem zupfend und kratzend bedient, klare Bogenstriche sind hier nicht im Repertoire. Daraus kann ein tupfelnder Backdrop für mal zarte, mal erruptive improvisierte Stimme entstehen. Modus Of Raw ist Teil der never ending improv Serie auf ERR, alle im schönen schwarzen Öko-Digi-Design mit Lochcover gestaltet. Neben den Turntable-Virtuosen a la Ignaz Schick oder Martin Tetreault gibt es auch jene Handwerker, die eher bruitistische Collagen mit dem Schallplattenspieler erzeugen (man denke an Philippe Petit oder Strotter Inst.). Dieser Anmutung verschrieben, wenn auch gar nicht mit dem Turntable erzeugt, sind die kratzigen, knisterigen und chaotischen Sounds auf Try To Crawl Out Of It, einem Duo-Release von Alexei Borisov und Anton Mobin (Mathka, CD). Hier lebt die Industrial Culture in kontrastreichen Schwarzweißbilder wieder auf.