MAERZMUSIK 2009 - ROBERT ASHLEY

Festival MaerzMusik 2009
Berlin, diverse Orte

Dem Festival MaerzMusik gelingt es immer wieder, einen sinnhaften Bogen über etliche Aspekte des zeitgenössischen Musikschaffens zu spannen, die leider oftmals disparat verhandelt werden. Ohne eine zwanghafte Programmpeitsche, und doch oft thematisch gebündelt, stehen bei der MaerzMusik große Orchesterwerke neben Ensembleabenden und Potraitkonzerten, wird die Neue Musik mit großem N flankiert von ihren Stieftöchtern Klangkunst und Experimental-Elektronik.

Die Einordnung der Relevanz der MaerzMusik mit ihren großen Themensetzungen überlassen wir getrost den Feuilletons und wenden uns dem ausschnitthaften Subjektiverlebnis zu. In der 2009er Ausgabe gab es vor allem in der zweiten Hälfte des Festivals einen interessanten Schwerpunkt mit Potraits von Robert Ashley und Alvin Lucier. Besonders der Abend mit der Musik Luciers geriet zur magischen Feier mit einer Klangwelt, die das Verrinnen der Zeit (nicht immer fürs geplagte Publikum leicht genießbar) veranschaulichte. Vier Stücke von Lucier standen im Zentrum – maximal angelegt bis zur Triobesetzung Hayward, Burr und Curtis. Die Stücke sind als Permutationsfolgen angelegt, als singulär wirkende Tonketten, die mit sich selbst ins Unreine geraten und doch auch ihren inneren Charakter schlußendlich offenbaren. Wenn Klavier und Cello sich in Twonings (2006) belauern und in quälender Dauer leicht versetzte Töne erzwingen, dann wirkt die Kraft der inneren Sanduhr nach einer Weile auf den Zuhörer beruhigend und letztendlich auch erhellend. Spannend auch mit zu erleben, wie im Stück In Memoriam Jon Higgins (1987, für Klarinette und Sinusgenerator) Anthony Burr den Instrumentalklang dem synthetischen Puls annäherte und durch Reduktuion trotzdem etwas hinzuzugeben wusste.
Etwas puschelig-unentschlossen wirkte der großé Themenabend zu Robert Ashley im Haus der Festspiele, welcher das Festival beschloss. Die beiden vor der Pause dargebotenen Kammerstücke wirkten in der Darreichung durch das MAE Ensemble seltsam hölzern und wackelig: die Anmutung eines Rock-Setups wursde durch die fast schon zaghafte Umsetzung wieder ausgehebelt und ins Leere geführt. Etwas mehr Biss und Vehemenz erhielt das Programm nach der Pause durch Ashleys starke Bühnenpräsenz, wenn auch die Stimmperformance aus einer Zeit stammen, als man mit dem öffentlichen Vortragen des Inhalts eines Einkaufszettels noch Revolutionen auslösen konnte… Im Foyer gab es für die Hartgesottenen den ganzen Tag über bereits die einzelnen Episoden der bizarren Fernsehproduktion Perfect Lives zu sehen. Hier könnte als Fazit die Feststellung genügen, dass es zwar spannend war, den großen Robert Ashley mal gehört zu haben, gerade aber die beiden jüngeren Werke aus 2004 und 05 keine Offenbarungen gebracht haben sondern eher langweilig klangen.
Das absolute Highlight für uns war der Besuch des Film/Ton-Abends im Arsenal Kino am Potsdamer Platz, kenntnisreich und spannend eingeführt durch Volker Straebel. Hier  zeigte das Elektronische Studio der TU einen Abend zum Thema Early US Tape Music in dem seltene Schätze zur Frage des Zusammenspiels von Bild und Klang gezeigt wurden. Die Five Film Exercises (1943/44) von John und James Whitney waren ein echter Eyeopener: Farbspektren, geometrische Formen und bizarr blubbernde Klänge, erzeugt durch Bearbeitung der optischen Tonspuren des Filmmaterials führten zu einem sensibilisierenden Kribbeln auf Seiten des Betrachters. Dies kam noch einmal auf beim Erklingen der Uraufführung der 8-Kanal-Tonbandfassung von Earle Browns Octet II aus dem Jahre 1954. In dieser Klammer waren auch der lieblose elektreonische Gehversuch Morton Feldmans und das essayistische Gewaber der Barons milde interessant. Ein absolut inspirierender Abend!
Weitere Ereignisse, die einen Eindruck hinterließen, waren: die deutsche Erstaufführung von Tenneys arbor vitae in der Darreichung durch Quatuor Bozzini aus Montreal mit seinen querlaufenden Tonlinien; das fast schon klamaukige, aber auch spritzige Stück Singing In The Dead Of Night (David Lang/Michael Gordon/Julia Wolfe),welches das eighth blackbird Ensemble aus Chicago auch im Heimwerker-Manier forderte; der erwartbar launig-pompös-blödelige Auftritt des Duos Michael Nyman + alva noto mit der süßen Zugaben-Rache des Carsten Nicolai; der gesamte Auftritt von Beat Furrer und seinem Ensemble Contrechamps – federleicht, unaufdringlich, konzentriert; die Posaune solo durch Frederic Belli in Berios SOLO (für Posaune und Orchester); und schließlich die maßlos over the top agierende und fast schon mit kolonialem Furor sich breitmachende Klanginstallation von Janet Cardiff & George Bures Miller. Hier blieb als Wunsch zurück, statt der gezeigten Arbeit The Murder Of Crows das Geld darauf verwendet zu haben, die schöne Halle des Hamburger Bahnhofs abzutrennen und darin viele kleinere, konzentriertere Arbeiten von vielen internationalen Klang- und Geräuschkünstlern zu zeigen. Vielleicht beim nächsten Mal.
Festzuhalten gilt mit dem nötigen Abstand, dass es schier überwältigend ist, in welcher Dichte und welcher Internationalität die MaerzMusik ihre Akzente zu setzen versteht. Hierfür ein großes Dankeschön!
Till Kniola, Foto: Robert Ashley (Kai Bienert)
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