Konzert im Morgengrauen, Ruhrtriennale 2021, Foto: Christian Palm

Chris Watson – Morgenchor (2021)
Maurice Ravel – Gaspard de la nuit (1908)
Salvatore Sciarrino – De la nuit (1971)

Virgine Dejos – Klavier
Chris Watson – Klangregie

Seitens der OFF-Kultur gab und gibt es womöglich berechtigte Vorbehalte gegen das Spektakel der Ruhrtriennale: Überkommenes Intendanzprinzip, Konzentration von Fördermitteln und Deutungsmacht, Wirkung durch Überwältigungsästhetik in den „Kathedralen der Arbeit“ des Ruhrgebiets, wiederkehrende Aktive aus dem Festival-Circuit der Hochkultur. Das Problem an dieser Haltung ist allerdings, dass alle oben genannten Punkte zugleich die besonderen Stärken der Ruhrtriennale ausmachen, oder dies zumindest können. Unter der Schweizer Intendantin für die Jahre 2021-2023, Barbara Frey, deutet sich jedenfalls eine unaufgeregte Versachlichung des Programmangebots der Ruhrtriennale an – eine Konzentration auf die Kunst, ohne Bullshit gewissermaßen. Diesen Eindruck erweckt zumindest das Konzert im Morgengrauen, welches am 14.08.2021 um 5.00 Uhr morgens in der Maschinenhalle Zweckel (Freunde des Hands Labels werden den Ort kennen…) stattfindet. Im Laufe der einstündigen Dauer entfaltet sich die ganze, schöne Poesie dieser daramaturgischen Idee. Nocturne Klavierliteratur trifft auf Wildlife-Recordings, präsentiert zu einer Nicht-Mehr-Nacht und Bald-Schon-Tag Zeit, die vermutlich das traumhafte Zeitfenster des Nachhalls der modernen Klassiker und den typischen Zeitpunkt der Entstehung der field recordings darstellt. Noch in Dunkelheit setzt Chris Watsons Morgenchor mit bassigen Flächen und Alltagsgeräuschen aus der Arbeitswelt ein. Nach ca. 20 Minuten betritt die Pianistin Virgine Dejos die Spielfläche und setzt sich an ihr Instrument. Watsons Klänge werden durchlässiger und luftiger und bestehen nun fast ausschließlich aus Klängen aus der unberührten Natur – ein magischer Topos der menschlichen Psyche. In die Vogel- und Insektengesänge hinein beginnt Dejos mit ihrer glasklaren, pointierten und schnörkellosen Interpretation der drei Klaviergedichte von Maurice Ravel. Fade out Elektroakustik – Freispiel traumhaft-perlende, kaskadierende Klänge vom Beginn des vorangegangenen Jahrhunderts. Nach Ravel setzen als verbindendes Element wieder Watsons Vogelgesänge ein – während die ersten Sonnenstrahlen durch die großzügigen Fensterfronten in die Maschienenhalle einfallen und einen bezaubernden Effekt erzeugen, den kein schwurbeliges VJing je hingekriegt hätte. Es setzt sich am Ende das kurze und für ihn schon maximal tönende Sciarrino Stück etwas ab und bildet fast eine Art apodiktischen Abgesang auf die Verheißungen der Nacht und die Andeutungen des neuen Morgens. Die Musikwissenschaft weiß von direkten Bezügen zwischen den aufgeführten Werken Ravels und Sciarrinos zu berichten, uns bewegt aber vor allem die stimmige Gesamtatmosphäre und das unaufgeregte Nachvollziehen von zeitlichen Verläufen mittels der Inszenierung. Und noch etwas freut uns, die wir eher vom Rand auf das ganze Spektakel schauen – wie hier mit Selbstverständlichkeit eher abwegige Geräuschkunst (gut: Watson ist ein Wanderer zwischen den Welten und mit seinen BBC-Arbeiten und seiner Klangforschung von adeligen Weihen auch in Kulturtempeln unterwegs; seine Wurzeln liegen aber im „Composing with tape recorders“) mit dem Kanon der zeitgenössischen E-Musik verbunden wird. Und das zum Festivalauftakt, quasi als Hinweis auf einen besonderen Ansatz der Gesamtprogrammierung der Ruhrtriennale 2021. Das verspricht noch, spannend zu werden.
Till Kniola